„Iiiieh! Wie eklig!“ Kinderliteratur als Medium der Hygieneaufklärung – Katharina Fürholzer

Das meiste, das uns im Bereich der Aufklärung über Hygiene prägt, wird uns bereits in unserer Kindheit beigebracht. Die Literaturwissenschaftlerin Katharina Fürholzer untersucht, auf welche Weise Kinderbücher diese „fiktionale Prophylaxe“ in Angriff nehmen und ob sie dabei nicht vielleicht zum Teil genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie sich als pädagogisches Ziel gesetzt haben. Dabei zeigen sich die unterschiedlichsten Strategien der Hygieneerziehung. Während Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter von 1845 noch mit einem drastischen, über Ängstigen und Strafen funktionierenden Erziehungsprinzip arbeitet, wird dieser Effekt im Falle von „Karius und Baktus“, etwas mehr als einhundert Jahre später, stattdessen in eine Sympathie für die Krankheitserreger umgekehrt. Evolutionsbiologisch lässt sich vor allem die Verbindung von Ekel und Hygieneerziehung gut nachvollziehen: Ekel warnt den Organismus vor Gefahr für die Gesundheit. Das offenbar auf Dauer wenig erfolgreiche Evozieren von Scham, Angst und Schuldgefühlen weicht mit der Zeit der Maxime „Hygiene macht Spass“, die im Extremfall allerdings ebenso wenig dauerhaft hygienewirksames Verhalten hervorzurufen vermag. Auch Versionen klassischer Konditionierung à la Pawlow finden in der Kinderbuchsparte Anwendung, wenn etwa durch die Mantra-artige Wiederholung bestimmter Kernsätze eine Verhaltensänderung durch dauerhafte Verschmelzung von Reiz und Reaktion erreicht werden soll. Auch elterliche Bestrafung und der damit verbundene Liebesentzug werden, etwa über das elterliche „Ekelgesicht“, als Triebfedern einer der Hygiene zuträglichen Verhaltensänderung verwendet. So wird die Erwartungshaltung seitens der Eltern auch in diesem Bereich als Leitfaden kindlichen Verhaltens genutzt. Auch die Konnotation von Hygiene und Spaß kommt verstärkt zum Einsatz, lässt aber oft genug nachhaltige Aufklärung vermissen, wenn die Verbindungslinie zwischen Hygiene und der Gefahr von Krankheit nicht mehr gezogen wird. Neben der der Hygieneerziehung offensichtlich abträglichen Darstellung von Krankheitserregern als Identifikationsfiguren auf der einen Seite steht, verwunderlicher Weise immer noch, die Darstellung von Arzt und Medizin als furchterregend oder schmerzhaft.

Während sich die Kinderliteratur in der Zahnmedizin zunehmend von ihren (Kinder-) Krankheiten emanzipiert, klaffen in weiten Bereichen anderer Körperpflege-Erziehung zum Teil immer noch entweder große Erklärungslücken oder aber die Verantwortung für Hygiene wird von den Eltern als Erziehungsberechtigten und –pflichtigen abgekoppelt und auf das Kind übertragen. Nur eine genaue Reflexion von Zwecken und Mitteln kann in der Hygieneerziehung durch Kinderbücher zu dauerhaft der Gesundheit förderlichen Verhaltensweisen führen und die Implementierung möglicherweise sogar gesundheitsschädlicher Muster verhindern.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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